Ich öffnete die Schreibtischschublade und sah, dass sie eine große braune Schachtel enthielt. Die Schachtel aus braunem Karton wirkte selbstgemacht, und tatsächlich las ich: „Oben“ und „Zum Öffnen die gummierten Klebestreifen aufschneiden und Schlitze anheben.“ Und: „Vorsichtig öffnen!“
Ich folgte der Anordnung, bemerkte aber, dass jemand den Schlitz schon geöffnet haben musste. Und dann sah ich etwas Blaues, Rundes, Selbstgemachtes aus Seidenpapier. Erstaunt untersuchte ich das knisternde Inneliegende: Es hatte die Form eines großen, gestielten Blattes. Auf das blaue Blatt, das mit Seidenpapier auf einen Peddigrohrrahmen aufgezogen war, war eine Blume, wohl eine Rose, mit andersfarbigem Seidenpapier aufgeklebt; sie hatte 2 rautenförmige Seidenblätter als Stengel und in der Mitte des Rosenstiels klebte ein runder Seidenpapierpunkt, der eine sehr, sehr feine Paketschnur darunter festhielt.
Das Ganze war vorsichtig mit kleinen, altmodischen Tesafilmstreifen auf einer weiteren stabilen Pappe befestigt. Auf dieser Pappe stand geschrieben:
„Rosie-Drachen“
„Flugbereit“
„Einfach nur den Schwanz anbinden“
Über dem Wort „Rosie“ war eine Rose gemalt, die ähnlich wie die Seidenblume, nur kleiner, aussah.
Neben dem Drachen lag ein Briefumschlag. Ich öffnete ihn. Der Brief fing mit einem ummalten großen „R“ an. Der erste Strich der Initiale war als langstielige Rose gemalt, grün und rot. „Meine liebe Rosie“ stand da in riesigen Lettern. „’Besser spät als nie’, heißt es, doch das hier ist, glaube ich, lächerlich: WEIHNACHTSGESCHENKE!“ Wieder rankten um die Großbuchstaben Rosen.
„Ich habe das Gefühl, dass Du, als Du das letzte Mal in der Schule warst, mich gefragt hast, ob ich einen Drachen hätte, und ich gab Dir einen ziemlich kaputten – aber ich kann das beim besten Willen nicht mehr mit Sicherheit sagen. Ich meine mich jedoch daran zu erinnern, dass Du die Idee hattest, einen mit Deinen Kindern steigen zu lassen, um ein bisschen Spaß zu haben.Nun, hier ist der Spaß-Drachen!“
Die Schrift wirkte sehr ordentlich, fast penibel, aber auch „ausgeschrieben“ wie von jemandem, der viel schreibt. Sie hatte aber kleine „Schleifspuren“ zwischen den Wörtern – sie könnte zu jemandem gehören, der etwas erschöpft oder resigniert oder gar etwas kraftlos ist, diesen Brief also irgendwie fast mit seinen letzten oder vorletzten Kräften schreibt. (weiterlesen…)








